Wenn die Herzfrequenz in den Keller geht und der Patient instabil wird, ist Atropin im Rettungsdienst oft das Mittel der ersten Wahl. Es ist der „Gegenspieler“ des Ruhe-Nervs.

1. Wirkweise: Der Kampf am Rezeptor

Um Atropin zu verstehen, muss man das Vegetative Nervensystem kennen: den Sympathikus (Action) und den Parasympathikus (Ruhe).

  • Der Parasympathikus: Dieser nutzt den Botenstoff Acetylcholin (ACh), um dem Herzen zu sagen: „Mach mal langsam“. Das geschieht über spezielle Empfänger, die Muskarin-Rezeptoren (genauer: M2-Rezeptoren am Herzen).
  • Atropin als Besetzer: Atropin ist ein Parasympatholytikum. Es wirkt als kompetitiver Antagonist. Das bedeutet: Es setzt sich auf die Muskarin-Rezeptoren und blockiert sie, ohne sie zu aktivieren.
  • Der Effekt: Das Acetylcholin vom Parasympathikus kommt nicht mehr an seinen Rezeptor ran. Die „Bremse“ des Herzens wird gelöst, und der Sympathikus kann die Herzfrequenz nach oben treiben.

2. Indikation: Wann wird es ernst?

  • Symptomatische Bradykardie: Wenn der Puls zu langsam ist (meist unter 40-50 Schlägen/Min) und der Patient Zeichen eines Schocks, Atemnot oder Bewusstseinstrübung zeigt.
  • Antidot bei Vergiftungen: Bei Vergiftungen mit Organophosphaten (z. B. Pestizide oder Kampfstoffe wie Sarin), die das Acetylcholin massiv erhöhen („Cholinerges Syndrom“).

3. Dosierung: Weniger ist manchmal gefährlich

Hier musst du in der Prüfung besonders aufpassen, denn eine zu niedrige Dosis kann nach hinten losgehen.

  • Standard-Dosis (Bradykardie): 0,5 mg i.v.
  • Wiederholung: Kann alle 3 bis 5 Minuten wiederholt werden (bis zu einer Höchstdosis von ca. 3 mg).
  • Gefahr der “Paradoxen Bradykardie”: Gibt man zu wenig Atropin (unter 0,5 mg), kann der Puls paradoxerweise noch weiter absinken, da zuerst Rezeptoren im Gehirn besetzt werden, die den Puls drosseln.

4. Kontraindikationen: Wann ist Vorsicht geboten?

In einer lebensgefährlichen Bradykardie gibt es kaum absolute Kontraindikationen, aber man sollte wissen, wo es Probleme geben kann:

  • AV-Block II Grades Typ Mobitz oder AV-Block III Grades: Hier wirkt Atropin oft nicht, da das Problem „tiefer“ im Reizleitungssystem liegt. Hier ist oft direkt der externe Schrittmacher gefragt.
  • Glaukom (Grüner Star): Atropin erhöht den Augeninnendruck massiv.
  • Tachykardie: Logisch, wer schon rast, braucht keinen Beschleuniger.
  • KHK / Herzinfarkt: Da Atropin den Sauerstoffbedarf des Herzens erhöht, kann es einen Infarkt verschlimmern.

5. Nebenwirkungen: Das „Atropin-Paket“

Du kannst dir die Nebenwirkungen mit einem alten Merksatz herleiten: „Heiß wie ein Ofen, rot wie eine Rübe, trocken wie ein Knochen, blind wie eine Maulwurf, furios wie ein Stier.“

  • Mundtrockenheit (Speichelfluss wird gehemmt).
  • Hautrötung und Hitzegefühl.
  • Pupillenerweiterung (Mydriasis) und Lichtscheu.
  • Harnverhalt (besonders bei älteren Männern).

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeParasympatholytikum
RezeptorBlockade von Muskarin-Rezeptoren (M2)
Standard-Dosis0,5 mg i.v.
Maximale Dosis3 mg (beim Erwachsenen)
Wichtigster EffektHerzfrequenzsteigerung (positiv chronotrop)

Praxis-Tipp: Atropin wirkt sehr schnell. Wenn dein Patient nach der Gabe plötzlich über einen sehr trockenen Mund klagt oder „komisch“ sieht, weißt du, dass das Medikament wirkt. Wenn Atropin bei einer Bradykardie nach der zweiten Gabe nicht hilft: Nicht Zeit verschwenden, sondern über Adrenalin-Perfusor oder den externen Schrittmacher nachdenken!
Ergänzung: Atropin als Antidot (Gegengift)

Bei Vergiftungen mit Organophosphaten (Pestizide, Insektizide) oder Alkylphosphaten (Kampfstoffe) kommt es zur sogenannten “cholinergen Krise”. Das Acetylcholin überflutet den Körper, der Patient “ertrinkt” quasi in seinen eigenen Sekreten (Speichel, Tränen, Bronchialsekret).

  • Die Dosierung als Antidot: Hier gibt es keine feste Obergrenze wie bei der Bradykardie.
  • Initialdosis: Meist 2 mg bis 5 mg i.v. (also das 4- bis 10-fache der Bradykardie-Dosis).
  • Fortführung: Es wird alle 5 bis 10 Minuten nachdosiert, bis die “Atropinisierung” eintritt.
  • Das Ziel: Man dosiert so lange nach, bis die Lunge frei von Rasselgeräuschen ist und die übermäßige Sekretion aufhört. In extremen Fällen können hier über den gesamten Einsatz hinweg 50 mg bis 100 mg Atropin notwendig sein.

Merke für die Prüfung: Während wir bei der Bradykardie vorsichtig mit 0,5 mg Schritten arbeiten, ist das Ziel beim Antidoteinsatz die “Austrocknung” der Sekrete, um das Überleben zu sichern.


Zusammenfassung der Dosierungen

Antidot (Vergiftung): 2 mg bis 5 mg i.v. initial, dann nach Wirkung (Ziel: freie Atemwege/Sekretstopp).

Symptomatische Bradykardie: 0,5 mg i.v. (Wiederholung alle 3-5 Min, max. 3 mg).