Ipratropiumbromid gehört zur Gruppe der Anticholinergika (oder Parasympatholytika). Es ist im Grunde ein spezialisiertes Atropin für die Lunge.

1. Wirkweise: Die Blockade der Engstellung

In den Bronchien steuert der Parasympathikus über den Botenstoff Acetylcholin die Verengung der Atemwege.

  • Der Rezeptor: Ipratropiumbromid blockiert die Muskarin-Rezeptoren (M3-Rezeptoren) an der glatten Muskulatur der Bronchien.
  • Der Mechanismus: Es wirkt als kompetitiver Antagonist. Das bedeutet, es besetzt die Rezeptoren, sodass das Acetylcholin keinen Befehl zur “Verengung” mehr geben kann.
  • Der Effekt: Die Bronchokonstriktion (Verkrampfung) wird aufgehoben. Die Atemwege weiten sich.
  • Zusatz-Effekt: Es reduziert zusätzlich die übermäßige Schleimproduktion in den Bronchien.

Wichtig für die Ausbildung: Ipratropiumbromid wirkt deutlich langsamer als Salbutamol. Es braucht ca. 15–30 Minuten für seine volle Wirkung, hält dafür aber wesentlich länger an (ca. 6 Stunden).


2. Indikationen: Wann wird inhaliert?

  • Asthma bronchiale: Zur Durchbrechung des Bronchospasmus.
  • COPD: Hier ist es oft sogar wirksamer als bei Asthmatikern, da bei der COPD der parasympathische Tonus eine größere Rolle spielt.
  • Akute Atemnot: Wenn die Lunge “pfeift” (Giemen und Brummen).

3. Dosierung: Ab in den Vernebler

Im Rettungsdienst geben wir Ipratropiumbromid fast immer inhalativ über eine Verneblermaske.

  • Standard-Dosis (Erwachsene): 0,5 mg.
  • Kombination: Meist wird es zusammen mit einem Beta-2-Mimetikum (wie Salbutamol oder Fenoterol) und Kochsalz (NaCl) in den Vernebler gegeben.
  • Intervall: Kann im Notfall alle 30–60 Minuten wiederholt werden.

4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten

Da es ein Parasympatholytikum ist, ähneln die Kontraindikationen denen von Atropin oder Buscopan:

  • Bekannte Überempfindlichkeit gegen Atropin oder dessen Abkömmlinge.
  • Glaukom (Grüner Star): Wenn der Wirkstoff aus der Maske in die Augen gelangt, kann der Augeninnendruck steigen.
  • Prostatavergrößerung: Kann theoretisch einen Harnverhalt begünstigen (bei Inhalation aber sehr selten).

5. Nebenwirkungen

  • Mundtrockenheit: Die häufigste Nebenwirkung.
  • Geschmacksstörungen: Patienten berichten oft über einen metallischen oder bitteren Geschmack.
  • Husten / Lokale Reizung: Durch das Inhalat selbst.
  • Tachykardie: Gelegentlich kann der Puls leicht ansteigen.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeInhalatives Anticholinergikum
RezeptorMuskarin-Rezeptor-Antagonist (M3)
Standard-Dosis0,5 mg inhalativ
Wirkbeginnca. 15 – 30 Minuten
Wirkdauerca. 6 Stunden

Praxis-Tipp: Achtet bei der Anwendung darauf, dass die Verneblermaske dicht sitzt. Wenn das Aerosol ständig in die Augen des Patienten strömt, riskiert ihr eine Pupillenerweiterung (Mydriasis), was bei der neurologischen Beurteilung im Krankenhaus für Verwirrung sorgen kann. In der Kombination mit Salbutamol ist Ipratropiumbromid unschlagbar, weil wir die Bronchien über zwei völlig verschiedene Wege weitstellen!