Amiodaron wird offiziell als Klasse-III-Antiarrhythmikum geführt, hat aber Eigenschaften aller vier Klassen. Es ist extrem fettlöslich und reichert sich im Gewebe an.

1. Wirkweise: Die elektrische Beruhigung

Amiodaron verlängert das Aktionspotenzial am Herzen. Man kann es sich wie eine Schutzschicht vorstellen, die die Zellen weniger empfindlich für Chaos-Signale macht.

  • Der Mechanismus (Klasse III): Es blockiert primär die Kalium-Kanäle. Dadurch dauert es länger, bis die Herzzelle nach einem Schlag wieder bereit für den nächsten ist (Verlängerung der Refraktärzeit).
  • Die Zusatzwirkungen:
    • Blockiert Natrium-Kanäle (wie Klasse-I-Mittel).
    • Blockiert Calcium-Kanäle (wie Klasse-IV-Mittel).
    • Wirkt nicht-kompetitiv an Alpha- und Beta-Rezeptoren (wie Betablocker).
  • Der Effekt: Es senkt die Herzfrequenz, verlangsamt die Reizleitung und stabilisiert den Rhythmus, ohne die Schlagkraft (Inotropie) so stark zu senken wie andere Medikamente.

2. Indikationen: Wann wird es ernst?

  1. Reanimation (CPR): Bei kammerflimmern (VF) oder pulsloser ventrikulärer Tachykardie (pVT), wenn drei Defibrillationen erfolglos waren.
  2. Stabile Tachykardien: Bei ventrikulären Tachykardien mit vorhandenem Puls oder bei Vorhofflimmern mit hoher Herzfrequenz (Tachyarrhythmia absoluta).

3. Dosierung: Zwei völlig verschiedene Welten

Hier musst du in der Ausbildung absolut sicher zwischen Notfall und stabiler Lage unterscheiden!

  • In der Reanimation (VF/pVT):
    • 1. Dosis: 300 mg i.v. (meist nach dem 3. Schock).
    • 2. Dosis: 150 mg i.v. (meist nach dem 5. Schock).
    • Hinweis: Hier wird es oft als Bolus (verdünnt in 5% Glucose oder pur) gegeben.
  • Im stabilen Kreislauf (Tachykardie):
    • 300 mg i.v. als Kurzinfusion über 20 bis 60 Minuten.
    • Niemals als schnellen Bolus bei wachem Patienten geben, da dies zu einem massiven Blutdruckabfall führen kann!

4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten

Da Amiodaron so massiv in die Elektrik eingreift, gibt es klare Verbote (außer in der Reanimation – da gibt es keine!):

  • Bradykardie: Wer schon zu langsam schlägt, wird durch Amiodaron gefährlich ausgebremst.
  • AV-Blockierungen: Verschlechterung der Reizleitung.
  • Schilddrüsenerkrankungen: Amiodaron enthält extrem viel Jod. Es kann eine Über- oder Unterfunktion der Schilddrüse auslösen.
  • Jodallergie.
  • Long-QT-Syndrom: Da es die Refraktärzeit verlängert, macht es das QT-Intervall noch länger – Gefahr von Torsade-de-Pointes!

5. Nebenwirkungen

  • Hypotonie: Besonders bei zu schneller Gabe sinkt der Blutdruck.
  • Bradykardie / Herzblock.
  • Venenreizung: Amiodaron ist sehr aggressiv zu den Venen. Nach Möglichkeit über eine große Vene geben und nachspülen.
  • Lungenveränderungen: (Bei Langzeiteinnahme, im Rettungsdienst eher kein Thema).

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeAntiarrhythmikum (Klasse III)
HauptwirkungVerlängerung der Refraktärzeit (Kalium-Kanal-Blockade)
Dosis Reanimation300 mg (nach 3. Schock) + 150 mg (nach 5. Schock)
BesonderheitEnthält viel Jod; hoher pH-Wert (Venenreizung)

Praxis-Tipp: In der Reanimation nutzen wir Amiodaron, um das “elektrische Chaos” im Herzen so weit zu dämpfen, dass unser Defibrillator eine Chance hat, wieder Ordnung zu schaffen. Wichtig: Amiodaron wird meist in 5 %iger Glucose (G5) verdünnt, da es mit Kochsalz (NaCl) ausflocken kann (wobei die neueren Präparate da oft stabiler sind – checkt eure lokalen Ampullen!).