Morphin ist ein natürliches Opioid, das aus dem Schlafmohn gewonnen wird. Im Rettungsdienst nutzen wir es als starkes Analgetikum, wenn “einfache” Schmerzmittel wie Metamizol nicht mehr ausreichen.
1. Wirkweise: Die Schmerz-Sperre im Gehirn
Morphin wirkt direkt im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark).
- Der Rezeptor: Morphin ist ein reiner Agonist an den Opioid-Rezeptoren (vor allem am My-Rezeptor).
- Der Mechanismus: Es setzt sich auf diese Rezeptoren und ahmt die Wirkung körpereigener Endorphine nach.
- Der Effekt: * Analgesie: Die Schmerzleitung wird unterbrochen und die Schmerzverarbeitung im Gehirn verändert (der Schmerz wird “egal”).
- Sedierung: Es wirkt beruhigend und dämpfend.
- Anxiolyse: Es nimmt die Angst, was besonders beim Herzinfarkt wichtig ist.
- Vorlastsenkung: Es weitet die Venen leicht, was das Herz entlastet.
2. Indikationen: Wann geben wir “Stoff”?
- Stärkste Schmerzzustände: Schwere Verletzungen, Frakturen oder Verbrennungen.
- Akutes Koronarsyndrom (ACS): Zur Schmerzlinderung und Beruhigung (senkt den Sauerstoffverbrauch des Herzens).
- Lungenödem: Durch die Venenweitung (Vorlastsenkung) und die Dämpfung der Atemnot (“Atempause” für den Patienten).
3. Dosierung: Schritt für Schritt
Morphin wird niemals als ganzer Block gespritzt. Wir tasten uns heran (“Titration”).
- Standard-Vorgehen: Eine Ampulle (10 mg / 1 ml) wird mit 9 ml NaCl auf 10 ml aufgezogen. Damit enthält 1 ml Spritzeninhalt genau 1 mg Morphin.
- Einzelschritt: Man gibt 2 mg bis 5 mg i.v.
- Wiederholung: Man wartet 5–10 Minuten und gibt bei Bedarf weitere 2 mg, bis der Patient schmerzfrei ist oder Nebenwirkungen auftreten.
- Wirkbeginn: i.v. nach ca. 5–10 Minuten (wirkt langsamer als Fentanyl!).
4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten
- Ateminsuffizienz: Wenn der Patient bereits eine schlechte Eigenatmung hat.
- Hypotonie / Schock: Morphin kann den Blutdruck weiter senken.
- Bewusstseinsstörungen / SHT: Erschwert die neurologische Beurteilung.
- Verschluss der Gallenwege: Morphin kann Krämpfe der Gallenwege (Sphincter oddi) verstärken.
5. Nebenwirkungen: Das “Opioid-Paket”
- Atemdepression: Die gefährlichste Nebenwirkung (Dämpfung des Atemantriebs).
- Übelkeit und Erbrechen: Sehr häufig (daher oft Kombination mit einem Antiemetikum wie Vomex oder Ondansetron).
- Blutdruckabfall und Bradykardie.
- Miosis: Stecknadelpupillen (ein klassisches Zeichen für die Opioidwirkung).
- Juckreiz: Durch Histaminfreisetzung.
Zusammenfassung für die Ausbildung
| Merkmal | Details |
| Wirkstoffgruppe | Opioid-Analgetikum |
| Rezeptor | My-Opioidrezeptor (Agonist) |
| Standard-Dosis | 2 – 5 mg i.v. (titriert) |
| Antidot | Naloxon |
| Wirkdauer | 2 – 4 Stunden |
Praxis-Tipp: Morphin braucht Zeit! Ein häufiger Fehler in der Prüfung ist es, 5 mg zu spritzen und nach 2 Minuten direkt die nächsten 5 mg nachzulegen, weil der Patient noch jammert. Da die volle Wirkung erst nach ca. 10 Minuten eintritt, “stapelt” man die Dosis und der Patient hört plötzlich auf zu atmen. Also: Spritzen, warten, spülen, beobachten!
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