Adenosin ist ein körpereigenes Nukleosid, das im Herzen als Notbremse fungiert. Im Rettungsdienst nutzen wir es fast ausschließlich als Diagnostikum und Therapeutikum bei schnellen Herzrhythmusstörungen.

1. Wirkweise: Der „Stopp-Knopf“ am AV-Knoten

Adenosin wirkt wie ein elektrischer Trennschalter für das Herzleitungssystem.

  • Der Rezeptor: Es bindet an die A1-Rezeptoren im Reizleitungssystem des Herzens, besonders am AV-Knoten.
  • Der Mechanismus: Es öffnet Kalium-Kanäle und hemmt den Calcium-Einstrom. Das führt zu einer massiven Hyperpolarisation der Zellen.
  • Der Effekt: Die Überleitung vom Vorhof auf die Kammer wird für wenige Sekunden komplett blockiert. Es kommt zu einer kurzzeitigen Asystolie (Herzstillstand).
  • Die Halbwertszeit: Das ist der Clou – Adenosin wird innerhalb von weniger als 10 Sekunden im Blut abgebaut. Die Wirkung ist also sofort wieder vorbei.

2. Indikationen: Wann drücken wir den Reset-Knopf?

  • Paroxysmale supraventrikuläre Tachykardien (pSVT): Wenn das Herz plötzlich mit 160–200 Schlägen pro Minute rast und der Ursprung oberhalb der Kammer liegt. Ziel ist die Terminierung (Beendigung) der Rhythmusstörung.
  • Diagnostik: Wenn man im EKG bei einer Tachykardie nicht erkennt, ob es sich um Vorhofflattern handelt. Durch die kurze Blockade werden die Vorhofwellen im EKG sichtbar (“Demaskierung”).

3. Dosierung: Die “Turbospritze”

Wegen der extrem kurzen Halbwertszeit muss Adenosin so schnell wie möglich an das Herz gelangen.

  • 1. Dosis: 6 mg i.v. als schneller Bolus.
  • 2. Dosis: Wenn nach 1–2 Minuten kein Effekt eintritt: 12 mg i.v.
  • 3. Dosis: Ggf. nochmals 12 mg i.v.
  • Die Technik: Man nutzt einen drei-Wege-Hahn. In einer Spritze ist Adenosin, in der anderen 20 ml NaCl. Das Adenosin wird so schnell wie physisch möglich reingedrückt und sofort mit dem NaCl nachgespült. Der Arm des Patienten sollte dabei hochgehalten werden.

4. Kontraindikationen: Hier ist es gefährlich

  • AV-Block II. und III. Grades: Hier ist die Leitung eh schon gestört.
  • Sick-Sinus-Syndrom: Das Herz könnte nach dem Stopp nicht wieder anfangen zu schlagen.
  • Asthma bronchiale: Adenosin kann über die A2-Rezeptoren einen schweren Bronchospasmus auslösen!
  • WPW-Syndrom mit Vorhofflimmern: Lebensgefahr! Hier kann Adenosin die Leitung über die Zusatzbahn beschleunigen und Kammerflimmern auslösen.

5. Nebenwirkungen: Ein mulmiges Gefühl

Du musst den Patienten unbedingt vorwarnen, da die Nebenwirkungen sehr beängstigend sind:

  • Todesangst und Beklemmungsgefühl: Der Patient merkt den kurzen Herzstillstand oft sehr deutlich.
  • Dyspnoe (Atemnot): Ein kurzes Gefühl, keine Luft zu bekommen.
  • Flush: Hitzegefühl und Gesichtsrötung.
  • Bradykardie: Nach dem “Reset” schlägt das Herz oft kurz sehr langsam, bevor es sich normalisiert.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeAntiarrhythmikum
RezeptorA1-Adenosinrezeptor (AV-Knoten)
Standard-Dosis6 mg -> 12 mg -> 12 mg
Wichtigste RegelNur unter Monitor-Kontrolle und mit Defibrillator in Bereitschaft!

Praxis-Tipp: Sag dem Patienten vorher ganz klar: “Sie werden gleich für ein paar Sekunden ein sehr komisches Gefühl in der Brust haben, als würde das Herz stolpern oder kurz stehen bleiben. Das geht ganz schnell vorbei und ich bin bei Ihnen.” Wenn man das nicht sagt, bekommt der Patient bei der Gabe Panik, was die Tachykardie nach dem Reset direkt wieder anfeuern kann.