Kategorie: Allgemein

Im Rettungsdienst werden verschiedene Medikamente eingesetzt, die für die Notfallversorgung von Patienten entscheidend sind.
Arten von Medikamenten
Notfallmedikamente: Diese Medikamente sind für akute Situationen gedacht, wie z.B. Adrenalin bei anaphylaktischen Reaktionen, Nitroglycerin bei Angina pectoris oder Morphin zur Schmerzbehandlung.
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Medikamentenkarten: Es gibt spezielle Medikamentenkarten, die Notfallsanitäter bei der schnellen Identifikation und Anwendung von Medikamenten unterstützen. Diese Karten enthalten wichtige Informationen zu Indikationen, Dosierungen und Nebenwirkungen.
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Verschreibungspflichtige Medikamente: Neben Notfallmedikamenten sind auch häufig verschriebene Medikamente für chronische Erkrankungen wie COPD, Herzinsuffizienz und Diabetes im Einsatz

Reproterol

Reproterol ist ein kurzwirksames Beta-2-Sympathomimetikum. Im Gegensatz zum Salbutamol, das meist inhaliert wird, nutzen wir Reproterol im Rettungsdienst fast ausschließlich als intravenöse Injektion.

1. Wirkweise: Der direkte Weg in die Lunge

Reproterol wirkt wie ein künstliches Adrenalin, das sich gezielt auf die Lunge spezialisiert hat.

  • Der Rezeptor: Es stimuliert die Beta-2-Adrenozeptoren in der glatten Muskulatur der Bronchien.
  • Der Mechanismus: Durch die Bindung wird das Enzym Adenylatzyklase aktiviert, was zu einer Entspannung der Bronchialmuskulatur führt.
  • Der Effekt: Die verkrampften Bronchien weiten sich sofort (Bronchospasmolyse). Zudem wird der Abtransport von Schleim verbessert und die Freisetzung von Entzündungsstoffen gehemmt.

2. Indikationen: Wenn Inhalieren nicht mehr reicht

Reproterol i.v. ist oft die “Eskalationsstufe”, wenn der Patient so kurzatmig ist, dass er gar nicht mehr tief genug einatmen kann, um Aerosole (wie Salbutamol) in die Lunge aufzunehmen.

  • Schweres Asthma bronchiale: Akuter, lebensbedrohlicher Anfall.
  • Status Asthmaticus: Wenn nichts anderes mehr hilft.
  • COPD mit massiver Spastik: Akute Verschlechterung (Exazerbation).
  • Anaphylaxie: Wenn die Atemwege durch eine allergische Reaktion massiv verengt sind.

3. Dosierung: Vorsicht am Gaspedal

Da Reproterol direkt ins Blut geht, wirkt es auch sehr stark auf das Herz. Deshalb muss die Dosierung extrem vorsichtig erfolgen.

  • Standard-Dosis (Erwachsene): Meist 0,05 mg bis 0,09 mg i.v. (das entspricht oft 0,5 ml bis 1 ml der Standard-Ampulle).
  • Applikation: Ganz langsam über mehrere Minuten spritzen oder (besser) als Kurzinfusion.
  • Wirkbeginn: Fast unmittelbar nach der Injektion.

4. Kontraindikationen: Hier droht Herzrasen

  • Frischer Herzinfarkt: Da Reproterol das Herz antreibt, steigt der Sauerstoffbedarf.
  • Schwere Tachykardie: Wenn der Puls ohnehin schon bei 160 liegt.
  • Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion): Da diese Patienten sehr empfindlich auf Beta-Stimulation reagieren.
  • Hypertrophe obstruktive Kardiomyopathie (HOCM): Eine spezielle Herzerkrankung, bei der die Verengung unter Beta-Stimulation zunehmen kann.

5. Nebenwirkungen: Das “Zittern”

  • Tachykardie: Der Puls schießt oft deutlich nach oben (Beta-1-Nebenwirkung).
  • Tremor: Feines Zittern der Hände.
  • Palpitationen: Herzklopfen, das der Patient oft als sehr unangenehm empfindet.
  • Hypokaliämie: Reproterol verschiebt Kalium von außen nach innerhalb der Zellen (Vorsicht bei Kaliummangel!).
  • Blutzuckeranstieg: Vorsicht bei Diabetikern.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeBeta-2-Sympathomimetikum
ApplikationswegVorrangig i.v. im Notfall
Standard-Dosis0,09 mg i.v. (langsam!)
HauptwirkungSofortige Weitung der Bronchien
Größtes RisikoMassive Tachykardie und Herzrhythmusstörungen

Praxis-Tipp: Reproterol ist ein „Ferrari“. Es wirkt extrem schnell, kann aber das Herz enorm belasten. Wenn du es spritzt, lass das EKG unbedingt laufen. Sollte der Patient während der Injektion eine zu starke Tachykardie entwickeln, unterbrich die Gabe sofort. Oft ist die Kombination aus Sauerstoff, Reproterol i.v. und einem Cortison (wie Prednisolon) der Schlüssel zum Erfolg beim schweren Asthmaanfall.

Metoprolol

Metoprolol gehört zur Gruppe der selektiven Beta-1-Rezeptorenblocker. Das bedeutet, es wirkt im Idealfall vor allem am Herzen und weniger an der Lunge.

1. Wirkweise: Die Bremse für den Sympathikus

Wenn wir Stress haben, schüttet der Körper Adrenalin und Noradrenalin aus. Diese Botenstoffe docken an die Beta-Rezeptoren am Herzen an und treiben es zur Höchstleistung.

  • Der Rezeptor: Metoprolol besetzt die Beta-1-Rezeptoren am Herzen.
  • Der Mechanismus: Es wirkt als kompetitiver Antagonist. Es besetzt die Plätze, damit Adrenalin und Noradrenalin nicht mehr andocken können.
  • Der Effekt am Herzen:
    • Negativ chronotrop: Die Herzfrequenz sinkt (Puls wird langsamer).
    • Negativ dromotrop: Die Erregungsleitung (AV-Knoten) wird verlangsamt.
    • Negativ inotrop: Die Schlagkraft sinkt leicht.
    • Negativ bathmotrop: Die Erregbarkeit des Herzmuskels sinkt (Schutz vor Rhythmusstörungen).

2. Indikationen: Wann bremsen wir das Herz?

  • Tachyarrhythmia absoluta (VHF): Wenn das Herz bei Vorhofflimmern viel zu schnell schlägt (Frequenzkontrolle).
  • Supraventrikuläre Tachykardien: Zur Rhythmisierung, wenn andere Maßnahmen nicht greifen.
  • Hypertensive Krise: Besonders wenn diese mit einer hohen Herzfrequenz einhergeht.
  • Akutes Koronarsyndrom (ACS): In der Klinik zur Entlastung des Herzens (im Rettungsdienst nur nach strenger ärztlicher Abwägung).

3. Dosierung: Langsam herantasten

Metoprolol wird im Rettungsdienst immer intravenös titriert, da man die Bremswirkung genau beobachten muss.

  • Standard-Vorgehen: Eine Ampulle enthält meist 5 mg Wirkstoff.
  • Applikation: Man gibt 1 mg bis 2 mg pro Minute langsam i.v.
  • Maximaldosis: In der Regel bis zu 10 mg bis 15 mg insgesamt (je nach SAA).
  • Monitoring: Während der Gabe muss der Patient zwingend am EKG und an der Blutdruckmanschette hängen!

4. Kontraindikationen: Hier ist die Bremse gefährlich

  • Bradykardie: Puls < 60 Schläge/Min.
  • AV-Block II. oder III. Grades: Da die Leitung eh schon gestört ist.
  • Kardiogener Schock: Ein versagendes Herz darf man nicht noch weiter bremsen.
  • Asthma bronchiale: Auch „selektive“ Betablocker können in höheren Dosen die Beta-2-Rezeptoren in der Lunge blockieren und einen schweren Asthmaanfall auslösen.
  • Hypotonie: Ein niedriger Blutdruck sinkt weiter.

5. Nebenwirkungen

  • Blutdruckabfall.
  • Extreme Bradykardie.
  • Bronchospasmus (Atemnot bei Asthmatikern).
  • Herzinsuffizienz: Ein schwaches Herz kann durch die verminderte Schlagkraft dekompensieren.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeSelektiver Beta-1-Blocker
RezeptorBeta-1 (Herz)
Standard-DosisBis 5 mg i.v. (langsam titriert)
HauptwirkungSenkung der Herzfrequenz und des Sauerstoffbedarfs
GefahrBronchospasmus und AV-Blockierungen

Praxis-Tipp: Metoprolol ist ein super Medikament, um ein “rennendes” Herz einzufangen. Aber Achtung bei älteren Patienten: Die Wirkung kann verzögert eintreten. Spritz nicht zu schnell nach, sonst hast du plötzlich eine Bradykardie, die du mühsam mit Atropin wieder aufheben musst. Und frag immer nach Asthma!

Lidocain

Lidocain gehört zur Gruppe der Lokalanästhetika (vom Amid-Typ) und wird in der Kardiologie als Klasse-Ib-Antiarrhythmikum eingeordnet.

1. Wirkweise: Der Natrium-Kanal-Blocker

Lidocain ist ein “Membranstabilisator”. Es verhindert, dass elektrische Signale zu schnell oder unkontrolliert fließen.

  • Der Mechanismus: Lidocain blockiert spannungsabhängige Natrium-Kanäle in den Nerven- und Herzmuskelzellen.
  • Am Herzen: Es verkürzt die Aktionspotenzialdauer und unterdrückt die automatische Erregungsbildung (besonders in der Herzkammer). Das “Chaos” in der Kammer wird gedämpft.
  • An den Nerven: Es verhindert den Einstrom von Natrium, der für die Weiterleitung von Schmerzreizen nötig ist. Wo kein Natrium fließt, wird kein Schmerz gemeldet.

2. Indikationen: Wann wird es eingesetzt?

  1. Reanimation (CPR): Als Alternative zu Amiodaron bei Kammerflimmern (VF) oder pulsloser ventrikulärer Tachykardie (pVT), wenn die Defibrillation nicht anschlägt.
  2. Ventrikuläre Tachykardien (VT): Wenn der Patient einen Puls hat, aber lebensgefährliche Rhythmusstörungen aus der Kammer zeigt.
  3. Narkosebegleitung (RSI): Manchmal i.v. gegeben, um den Hustenreiz und den Hirndruckanstieg bei der Intubation zu dämpfen.
  4. Lokalanästhesie: Zum schmerzlosen Legen von intraossären Zugängen (i.o.) oder beim Nähen von Wunden.

3. Dosierung: Fokus Reanimation

In der Ausbildung ist vor allem die Dosierung im Algorithmus wichtig:

  • Reanimation (VF/pVT):
    • Initialdosis: 1 mg bis 1,5 mg pro kg Körpergewicht i.v. (meist nach dem 3. Schock, falls kein Amiodaron verfügbar/gewünscht).
    • Folgedosis: 0,5 mg bis 0,75 mg pro kg Körpergewicht (nach dem 5. Schock).
  • Maximaldosis: 3 mg pro kg Körpergewicht insgesamt.
  • Lokalanästhesie (i.o.-Zugang): Meist 20 mg bis 40 mg (langsam über den liegenden i.o.-Zugang), bevor die Infusion gestartet wird.

4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten

Da Lidocain die elektrische Leitung hemmt, darf es nicht gegeben werden bei:

  • AV-Blockierungen (II. und III. Grades): Die Leitung vom Vorhof zur Kammer könnte komplett zusammenbrechen.
  • Schwerer Bradykardie: Wenn das Herz eh schon zu langsam ist.
  • Bekannte Allergie: Gegen Lokalanästhetika vom Amid-Typ.
  • Syk-Sinus-Syndrom.

5. Nebenwirkungen: Das ZNS reagiert

Lidocain hat ein enges therapeutisches Fenster. Bei einer Überdosierung sieht man oft neurologische Symptome:

  • ZNS-Störungen: Schwindel, Ohrensausen (Tinnitus), metallischer Geschmack im Mund, verwaschene Sprache oder Sehstörungen.
  • Krampfanfälle: Bei hoher Überdosierung.
  • Kardiale Depression: Blutdruckabfall und Bradykardie.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeAntiarrhythmikum (Klasse Ib) / Lokalanästhetikum
RezeptorNatrium-Kanal (Blockade)
Standard-Dosis (CPR)1 – 1,5 mg/kg i.v.
HauptwirkungStabilisierung der Zellmembran / Rhythmisierung
WarnzeichenMetallischer Geschmack oder Ohrensausen (Überdosierung!)

Praxis-Tipp: In den aktuellen ERC-Leitlinien steht Amiodaron an erster Stelle. Lidocain ist aber die gleichwertige Alternative. Wichtig für die Praxis: Wenn du Lidocain zur Schmerzreduktion beim i.o.-Zugang spritzt, lass es wirklich langsam einlaufen und gib ihm 30-60 Sekunden Zeit zu wirken, bevor du die Infusion mit Druck durchspülst. Dein Patient wird es dir danken!

Ketamin

Ketamin ist ein außergewöhnliches Medikament, da es gleichzeitig stark schmerzlindernd (analgetisch) und betäubend (hypnotisch) wirkt. Es ist der Klassiker für die “Feld- und Wiesenmedizin” sowie für instabile Kreislaufverhältnisse.

1. Wirkweise: Trennung von Körper und Geist

Ketamin erzeugt eine dissoziative Anästhesie. Das bedeutet, der Patient ist nicht klassisch “tief bewusstlos”, sondern seine Wahrnehmung wird von der Außenwelt getrennt.

  • Der Rezeptor: Ketamin blockiert als Antagonist die NMDA-Rezeptoren (N-Methyl-D-Aspartat) im zentralen Nervensystem.
  • Der Mechanismus: Es unterbricht die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark und dämpft die Schmerzverarbeitung im Gehirn.
  • Der Sympathikus-Effekt: Im Gegensatz zu fast allen anderen Narkosemitteln regt Ketamin das sympathische Nervensystem an. Es führt zur Ausschüttung von körpereigenem Noradrenalin.
  • Der Effekt: Blutdruck und Herzfrequenz steigen an, und die Bronchien weiten sich (Bronchodilatation).

2. Indikationen: Wann wird es eingesetzt?

  • Traumatische Schmerzen: Besonders bei eingeklemmten Patienten oder schweren Frakturen, wenn der Blutdruck niedrig ist.
  • Narkoseeinleitung: Bei Patienten im Schock (Volumenmangelschock, anaphylaktischer Schock) oder bei Asthmatikern.
  • Status Asthmaticus: Als Reservemittel zur Entspannung der Bronchien.

3. Dosierung: Der Unterschied zum Esketamin

Wichtig für die Prüfung: Das normale Ketamin (Racemat) ist nur halb so potent wie Esketamin. Du brauchst also die doppelte Menge.

  • Analgesie (Schmerzbekämpfung): 0,25 mg bis 0,5 mg pro kg Körpergewicht i.v.
  • Narkose: 1,0 mg bis 2,0 mg pro kg Körpergewicht i.v.
  • Wirkbeginn: i.v. nach ca. 1 Minute.
  • Wirkdauer: ca. 10 bis 15 Minuten.

4. Kontraindikationen: Wann ist Vorsicht geboten?

Da Ketamin den Kreislauf “pusht”, ist es bei bestimmten Vorerkrankungen riskant:

  • Schwerer Bluthochdruck (Hypertonie): Gefahr einer hypertensiven Krise.
  • Akutes Koronarsyndrom (ACS) / Herzinfarkt: Der erhöhte Sauerstoffbedarf des Herzens kann den Schaden vergrößern.
  • Schwere Herzinsuffizienz: Wenn das Herz die zusätzliche Last des gesteigerten Drucks nicht mehr schafft.
  • Penetrierende Augenverletzungen: Ketamin kann den Augeninnendruck leicht erhöhen.

5. Nebenwirkungen: Albträume und Speichel

  • Psychomimetische Reaktionen: Beim Aufwachen erleben Patienten oft Horror-Trips, Halluzinationen oder Angstzustände. Daher sollte Ketamin (außer in extremen Ausnahmen) immer mit einem Benzodiazepin (z. B. Midazolam) kombiniert werden.
  • Hypersalivation: Massive Speichelproduktion (Absaugereitschaft!).
  • Laryngospasmus: Seltene Verkrampfung des Kehlkopfes bei zu schneller Injektion.
  • Tachykardie und Hypertonie.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeDissoziatives Anästhetikum / NMDA-Antagonist
Potenz50 % von Esketamin
Standard-Dosis (Analgesie)0,5 mg/kg i.v.
BesonderheitSympathomimetisch (Blutdruck und Puls steigen)
Wichtiger BegleiterMidazolam (zur Vermeidung von Albträumen)

Praxis-Tipp: Merk dir den Unterschied zwischen Ketamin und Esketamin für die Prüfung ganz genau! Wenn du im Einsatz eine Ampulle in die Hand nimmst, schau zwei Mal drauf: Steht da “Ketamin” oder “Esketamin / Ketanest S”? Die Verwechslung führt entweder zu einer Unterdosierung oder zu einer gefährlichen Überdosierung.

Nitrendipin

Nitrendipin gehört zur Gruppe der Calciumantagonisten (vom Dihydropyridin-Typ). Es wirkt primär an den Gefäßen und weniger am Herzen.

1. Wirkweise: Entspannung für die Gefäßwände

Damit sich die glatte Muskulatur in unseren Arterien zusammenziehen kann, benötigt sie Calcium.

  • Der Mechanismus: Nitrendipin blockiert die L-Typ-Calciumkanäle in den glatten Muskelzellen der Gefäßwände.
  • Der Effekt: Wenn kein Calcium in die Zellen einströmen kann, erschlafft die Muskulatur.
  • Das Ergebnis: Die Gefäße (Arterien und Arteriolen) weiten sich (Vasodilatation). Der periphere Widerstand sinkt, und der Blutdruck fällt innerhalb kurzer Zeit deutlich ab.

Wichtig für die Ausbildung: Nitrendipin wirkt vor allem auf die Widerstandsgefäße. Es hat in der üblichen Dosierung kaum Einfluss auf die Schlagkraft des Herzens, kann aber durch den schnellen Blutdruckabfall zu einem reflektorischen Pulsanstieg führen.


2. Indikationen: Wann wird „gebissen“?

  • Hypertensiver Notfall / Krise: Wenn der Blutdruck massiv erhöht ist (meist > 200/120 mmHg) und der Patient Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Nasenbluten zeigt.

3. Dosierung: Die Kapsel zum Zerbeißen

Im Rettungsdienst nutzen wir meist die Weichkapseln zur sublingualen Anwendung.

  • Standard-Dosis: 5 mg (entspricht meist einer 5 mg-Kapsel).
  • Anwendung: Die Kapsel wird vom Patienten zerbissen und der Inhalt im Mund behalten (sublinguale Aufnahme über die Schleimhaut). Alternativ kann man die Kapsel mit einer Kanüle anstechen und den Inhalt unter die Zunge träufeln.
  • Wirkbeginn: Sehr schnell, meist nach 5 bis 10 Minuten.
  • Wichtig: Bei ausbleibender Wirkung kann nach ca. 30 Minuten eine weitere Dosis gegeben werden, aber Vorsicht vor einem zu steilen Abfall!

4. Kontraindikationen: Hier ist es gefährlich

  • Kardiogener Schock: Wenn das Herz ohnehin schon versagt.
  • Aortenstenose: Bei einer verengten Herzklappe kann der plötzliche Widerstandsverlust zum Kreislaufkollaps führen.
  • Frischer Herzinfarkt: Ein zu schneller Blutdruckabfall verschlechtert die Durchblutung des Herzmuskels.
  • Instabile Angina Pectoris.
  • Schwangerschaft: Hier ist Nitrendipin absolut kontraindiziert (Gefahr für die Plazentadurchblutung).

5. Nebenwirkungen

  • Reflextachykardie: Der Körper bemerkt den sinkenden Druck und lässt das Herz schneller schlagen.
  • Flush: Rötung des Gesichts und Hitzegefühl durch die Gefäßweitung.
  • Kopfschmerzen: Durch die Weitung der Gefäße im Kopf.
  • Übelkeit und Schwindel.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeCalciumantagonist (Dihydropyridin-Typ)
MechanismusBlockade von L-Typ-Calciumkanälen
Standard-Dosis5 mg sublingual (Zerbeißkapsel)
HauptwirkungSchnelle Senkung des peripheren Widerstands

Praxis-Tipp: Nitrendipin ist eine “Wundertüte”. Bei manchen Patienten passiert wenig, bei anderen rauscht der Blutdruck in den Keller. Deshalb: Immer einen venösen Zugang legen, bevor ihr Nitrendipin (oder auch Urapidil/Nitro) gebt! Wenn der Blutdruck zu tief sinkt, müsst ihr sofort mit Flüssigkeit gegensteuern können. Und denkt dran: Senkt den Blutdruck im Notfall nie um mehr als 20–25 % innerhalb der ersten Stunde, um Schlaganfälle oder Infarkte durch Minderdurchblutung zu vermeiden.

Naloxon

Naloxon ist ein hochspezifischer Gegenspieler. Es hat selbst keine eigene Wirkung auf den Körper, außer die Besetzung der Rezeptoren.

1. Wirkweise: Der Platzverweis am Rezeptor

Um Naloxon zu verstehen, muss man sich den Opioid-Rezeptor wie ein Schloss vorstellen. Das Opioid ist der Schlüssel, der das Schloss öffnet (Atemdepression, Schmerzlinderung).

  • Der Mechanismus: Naloxon hat eine viel höhere Affinität (Bindungskraft) zum Rezeptor als die meisten Opioide. Es verdrängt das Opioid vom Rezeptor und besetzt diesen, ohne ihn zu aktivieren.
  • Der Effekt: Das „Schloss“ ist blockiert. Die Wirkung des Opioids ist aufgehoben. Der Patient beginnt wieder zu atmen und wird wach.
  • Das Problem mit der Halbwertszeit: Naloxon wirkt nur kurz (ca. 30–45 Minuten). Viele Opioide wirken viel länger. Wenn das Naloxon abgebaut ist, besetzt das noch im Blut kreisende Opioid den Rezeptor erneut – der Patient fällt in die Atemdepression zurück (Re-Narkotisierung).

2. Indikationen: Wann wird es gespritzt?

  • Opioid-Intoxikation: Bei Verdacht auf Überdosierung (Drogennotfall), erkennbar an der Trias: Atemdepression (oder Atemstillstand), Bewusstlosigkeit und Stecknadelpupillen (Miosis).
  • Relative Überdosierung: Wenn ein Patient im Rahmen einer Schmerztherapie (z.B. durch Fentanyl) aufhört zu atmen.

3. Dosierung: Vorsichtiges Erwecken

Im Rettungsdienst ist das Ziel nicht unbedingt ein hellwacher Patient, sondern ein Patient, der wieder ausreichend selbst atmet.

  • Standard-Dosis: 0,4 mg i.v. (entspricht einer Ampulle).
  • Vorgehensweise (Titration): Oft verdünnt man die Ampulle (0,4 mg) auf 4 ml oder 10 ml NaCl und gibt sie schrittweise (z.B. 0,04 mg bis 0,1 mg weise), bis die Atmung wieder einsetzt.
  • Notfall (Atemstillstand): Wenn kein Zugang liegt, kann Naloxon auch i.m. oder nasal (mit MAD-Zerstäuber) gegeben werden. Hier nutzt man meist die volle Dosis (0,4 mg bis 0,8 mg).

4. Kontraindikationen

Es gibt im lebensbedrohlichen Notfall keine absoluten Kontraindikationen. Aber Vorsicht bei:

  • Opioidabhängigkeit: Eine zu schnelle Gabe löst ein massives, lebensgefährliches Entzugssyndrom aus.

5. Nebenwirkungen: Der „Entzugs-Schock“

Wenn Naloxon bei einem Abhängigen zu schnell wirkt, passiert Folgendes:

  • Akuter Entzug: Erbrechen, starkes Schwitzen, Zittern, Tachykardie und oft massive Aggressivität.
  • Lungenödem: In seltenen Fällen kann nach der Gabe ein nicht-kardiogenes Lungenödem auftreten.
  • Herz-Kreislauf-Belastung: Durch den plötzlichen Schmerzstress steigen Blutdruck und Puls stark an.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeOpioid-Antagonist
RezeptorMy-Opioidrezeptor (Blockade)
Standard-Dosis0,4 mg (titriert nach Atmung)
GefahrRe-Narkotisierung (Wirkdauer zu kurz!)
ZielWiederherstellung einer ausreichenden Spontanatmung

Praxis-Tipp: Naloxon ist kein “Wachmach-Mittel”, sondern ein “Atmenmach-Mittel”. Bei einem Heroin-User im Park reicht es, wenn er wieder 10-mal pro Minute atmet. Spritzt du ihn hellwach, wird er oft aggressiv, reißt sich den Zugang raus und rennt weg – nur um 30 Minuten später, wenn das Naloxon nachlässt, wieder blau anzulaufen. Bleib also immer beim Patienten, bis das Opioid sicher abgebaut ist!

Fentanyl

Fentanyl ist ein rein synthetisches Opioid.1 Es ist etwa 75- bis 100-mal stärker als Morphin. Das bedeutet, wir arbeiten hier nicht mit Milligramm (mg), sondern mit Mikrogramm (µg).

1. Wirkweise: Maximale Kraft am Rezeptor

Fentanyl ist ein hochaffiner, reiner Agonist an den Opioid-Rezeptoren.2

  • Der Rezeptor: Es bindet fast ausschließlich an My-Opioidrezeptoren im zentralen Nervensystem.
  • Der Mechanismus: Durch seine hohe Fettlöslichkeit (Lipophilie) überwindet es die Blut-Hirn-Schranke blitzschnell.
  • Der Effekt:
    • Analgesie: Massive Unterdrückung des Schmerzempfindens.
    • Sedierung: Dämpfung des Bewusstseins.
    • Atemdepression: Starke Dämpfung des Atemzentrums (stärker als bei Morphin).

2. Indikationen: Wann ist es das Mittel der Wahl?

  • Stärkste akute Schmerzen: Polytrauma, große Frakturen, Verbrennungen.
  • Narkoseeinleitung (RSI): Als analgetische Komponente, um den Stressreiz der Intubation zu unterdrücken.3
  • Kardioversion / Pacing: Um die schmerzhaften elektrischen Impulse für den Patienten erträglich zu machen.

3. Dosierung: Mikrogramm-Präzision

Fentanyl wird im Rettungsdienst fast immer titriert (schrittweise gegeben).

  • Standard-Dosis (Analgesie): 1 µg bis 2 µg pro kg Körpergewicht.
  • Beispiel (80 kg Patient): Man gibt initial ca. 0,1 mg (das entspricht 100 µg oder 2 ml der Standardlösung).
  • Wirkbeginn: i.v. bereits nach 1 bis 2 Minuten.
  • Wirkdauer: Kurz (ca. 20 bis 30 Minuten). Das ist ideal für kurze Transporte oder Maßnahmen.

4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten

  • Nicht gesicherte Atemwege: Wenn du keine Möglichkeit zur Beatmung hast, ist Fentanyl aufgrund der starken Atemdepression riskant.
  • Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Nur unter strenger Indikation (Beatmung!), da es die Pupillendiagnostik beeinträchtigt und den Atemantrieb senkt (CO2-Anstieg = Hirndruckanstieg).
  • Bekannte Unverträglichkeit.

5. Nebenwirkungen: Die “Chest-Wall-Rigidity”

Neben den typischen Opioid-Nebenwirkungen (Übelkeit, Miosis, Bradykardie) hat Fentanyl eine gefährliche Besonderheit:

  • Thoraxrigide: Bei sehr schneller Injektion hoher Dosen kann die Brustkorbmuskulatur starr werden.4 Der Patient lässt sich dann kaum noch beatmen (“Holzbrust”).
  • Atemdepression: Tritt oft sehr plötzlich ein.
  • Blutdruckabfall: Meist moderat, aber in Kombination mit Sedativa (z.B. Propofol) deutlich verstärkt.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeSynthetisches Opioid-Analgetikum
Potenz100-mal stärker als Morphin
Standard-Dosis1 – 2 µg/kg i.v. (z.B. 0,1 mg beim Erw.)
Wirkbeginn1 – 2 Minuten (sehr schnell)
BesonderheitGefahr der Thoraxrigidität bei schneller Gabe

Praxis-Tipp: Fentanyl ist super, um jemanden schnell “einzupacken”. Aber achte auf die Atmung! Es ist ein typisches Medikament für die “Augen-zu-und-durch”-Momente (z.B. eine Luxation reponieren). Wichtig: Spritz es langsam über ca. 1 Minute, um die Thoraxrigidität zu vermeiden. Und hab immer den Beutel griffbereit.

Nalbufin

Nalbufin ist ein gemischter Opioid-Agonist-Antagonist. Das bedeutet, es drückt an einem Rezeptor auf das Gaspedal, während es an einem anderen die Bremse betätigt.

1. Wirkweise: Das Spiel mit den Rezeptoren

Klassische Opiate wie Morphin wirken fast nur am My-Rezeptor. Nalbufin macht das anders:

  • Kappa-Rezeptor (Agonist): Hier wirkt Nalbufin stimulierend. Das sorgt für die Schmerzlinderung (Analgesie) und eine leichte Beruhigung.
  • My-Rezeptor (Antagonist): Hier wirkt es als Gegenspieler. Es blockiert diesen Rezeptor.
  • Der „Ceiling-Effekt“: Das ist der wichtigste Punkt für die Ausbildung! Da Nalbufin den My-Rezeptor blockiert, gibt es eine Obergrenze für die Atemdepression. Ab einer bestimmten Dosis atmet der Patient nicht noch flacher, egal wie viel man gibt. Das macht es deutlich sicherer als Morphin.

2. Indikationen: Wann ist es ideal?

  • Mittelschwere bis starke Schmerzen: Besonders bei traumatischen Verletzungen (Frakturen, Luxationen).
  • Schmerztherapie bei Kindern: Wegen der hohen Sicherheit bei der Atmung wird es im pädiatrischen Rettungsdienst sehr gerne genutzt.
  • Kurze Eingriffe: Wenn man eine gute Schmerzlinderung für den Transport braucht, aber keine tiefe Sedierung möchte.

3. Dosierung: Einfach zu merken

  • Erwachsene: Üblicherweise 10 mg bis 20 mg i.v. (entspricht meist 1 bis 2 ml).
  • Kinder: 0,1 mg bis 0,2 mg pro kg Körpergewicht.
  • Applikation: Langsam i.v. spritzen.
  • Wirkbeginn: Sehr schnell (ca. 2 bis 3 Minuten).

4. Kontraindikationen: Hier darf es nicht rein

  • Abhängigkeit von Opiaten: Wenn ein Heroinabhängiger oder ein Schmerzpatient, der auf starken Opiaten (L-Polamidon, Fentanyl-Pflaster) eingestellt ist, Nalbufin bekommt, löst man einen akuten Entzug aus! (Weil Nalbufin das andere Opiat vom My-Rezeptor verdrängt).
  • Schwere Schädel-Hirn-Traumata: Wegen der Beurteilung der Pupillen und des Bewusstseins.
  • Echte Ateminsuffizienz: Trotz Ceiling-Effekt ist bei vorbestehender Atemnot Vorsicht geboten.

5. Nebenwirkungen

  • Sedierung: Der Patient wird oft angenehm schläfrig.
  • Übelkeit und Erbrechen: Kommt vor, aber seltener als bei Morphin.
  • Schwitzen und Schwindel.
  • Dysphorie: Manche Patienten empfinden die Wirkung (über den Kappa-Rezeptor) als unangenehm oder “unheimlich” (selten).

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeGemischter Opioid-Agonist-Antagonist
RezeptorenKappa (Agonist) / My (Antagonist)
Standard-Dosis0,1 – 0,2 mg/kg i.v. (ca. 10-20 mg Erw.)
Größter VorteilCeiling-Effekt (Sicherheit für die Atmung)
Größte GefahrAuslösen von Entzug bei Opioid-Gewöhnten

Praxis-Tipp: Nalbufin ist ein super “Anfänger-Opioid”, weil man weniger Angst vor dem Atemstillstand haben muss. Aber Achtung beim Abfragen der Medikation: Wenn der Patient sagt “Ich nehme Schmerzpflaster” oder “Ich bekomme Methadon”, ist Nalbufin absolut tabu. Der Patient würde innerhalb von Sekunden in einen heftigen Entzug mit Zittern, Schwitzen und Schmerzen rutschen!

Morphin

Morphin ist ein natürliches Opioid, das aus dem Schlafmohn gewonnen wird. Im Rettungsdienst nutzen wir es als starkes Analgetikum, wenn “einfache” Schmerzmittel wie Metamizol nicht mehr ausreichen.

1. Wirkweise: Die Schmerz-Sperre im Gehirn

Morphin wirkt direkt im zentralen Nervensystem (Gehirn und Rückenmark).

  • Der Rezeptor: Morphin ist ein reiner Agonist an den Opioid-Rezeptoren (vor allem am My-Rezeptor).
  • Der Mechanismus: Es setzt sich auf diese Rezeptoren und ahmt die Wirkung körpereigener Endorphine nach.
  • Der Effekt: * Analgesie: Die Schmerzleitung wird unterbrochen und die Schmerzverarbeitung im Gehirn verändert (der Schmerz wird “egal”).
    • Sedierung: Es wirkt beruhigend und dämpfend.
    • Anxiolyse: Es nimmt die Angst, was besonders beim Herzinfarkt wichtig ist.
    • Vorlastsenkung: Es weitet die Venen leicht, was das Herz entlastet.

2. Indikationen: Wann geben wir “Stoff”?

  • Stärkste Schmerzzustände: Schwere Verletzungen, Frakturen oder Verbrennungen.
  • Akutes Koronarsyndrom (ACS): Zur Schmerzlinderung und Beruhigung (senkt den Sauerstoffverbrauch des Herzens).
  • Lungenödem: Durch die Venenweitung (Vorlastsenkung) und die Dämpfung der Atemnot (“Atempause” für den Patienten).

3. Dosierung: Schritt für Schritt

Morphin wird niemals als ganzer Block gespritzt. Wir tasten uns heran (“Titration”).

  • Standard-Vorgehen: Eine Ampulle (10 mg / 1 ml) wird mit 9 ml NaCl auf 10 ml aufgezogen. Damit enthält 1 ml Spritzeninhalt genau 1 mg Morphin.
  • Einzelschritt: Man gibt 2 mg bis 5 mg i.v.
  • Wiederholung: Man wartet 5–10 Minuten und gibt bei Bedarf weitere 2 mg, bis der Patient schmerzfrei ist oder Nebenwirkungen auftreten.
  • Wirkbeginn: i.v. nach ca. 5–10 Minuten (wirkt langsamer als Fentanyl!).

4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten

  • Ateminsuffizienz: Wenn der Patient bereits eine schlechte Eigenatmung hat.
  • Hypotonie / Schock: Morphin kann den Blutdruck weiter senken.
  • Bewusstseinsstörungen / SHT: Erschwert die neurologische Beurteilung.
  • Verschluss der Gallenwege: Morphin kann Krämpfe der Gallenwege (Sphincter oddi) verstärken.

5. Nebenwirkungen: Das “Opioid-Paket”

  • Atemdepression: Die gefährlichste Nebenwirkung (Dämpfung des Atemantriebs).
  • Übelkeit und Erbrechen: Sehr häufig (daher oft Kombination mit einem Antiemetikum wie Vomex oder Ondansetron).
  • Blutdruckabfall und Bradykardie.
  • Miosis: Stecknadelpupillen (ein klassisches Zeichen für die Opioidwirkung).
  • Juckreiz: Durch Histaminfreisetzung.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeOpioid-Analgetikum
RezeptorMy-Opioidrezeptor (Agonist)
Standard-Dosis2 – 5 mg i.v. (titriert)
AntidotNaloxon
Wirkdauer2 – 4 Stunden

Praxis-Tipp: Morphin braucht Zeit! Ein häufiger Fehler in der Prüfung ist es, 5 mg zu spritzen und nach 2 Minuten direkt die nächsten 5 mg nachzulegen, weil der Patient noch jammert. Da die volle Wirkung erst nach ca. 10 Minuten eintritt, “stapelt” man die Dosis und der Patient hört plötzlich auf zu atmen. Also: Spritzen, warten, spülen, beobachten!

Midazolam

Midazolam gehört zur Gruppe der Benzodiazepine. Es zeichnet sich durch einen sehr schnellen Wirkungseintritt und eine relativ kurze Wirkdauer aus.

1. Wirkweise: Den Hemmstoff verstärken

Im Gehirn gibt es einen Botenstoff namens GABA (Gamma-Aminobuttersäure), der wie eine Bremse für die Nervenzellen wirkt.

  • Der Rezeptor: Midazolam bindet an den GABA-A-Rezeptor.
  • Der Mechanismus: Es wirkt als allosterischer Modulator. Das heißt, es setzt sich neben das GABA an den Rezeptor und sorgt dafür, dass GABA viel besser binden kann. Es verstärkt also die körpereigene Bremse.
  • Der Effekt: Wenn die Bremse (GABA) stärker wirkt, passiert folgendes:
    • Anxiolyse: Angst wird gelöst.
    • Sedierung: Der Patient wird schläfrig.
    • Antikonvulsive Wirkung: Krampfanfälle werden gestoppt.
    • Anterograde Amnesie: Der Patient vergisst alles, was kurz nach der Gabe passiert (sehr nützlich bei unangenehmen Maßnahmen).

2. Indikationen: Wann wird es aufgezogen?

  • Status Epilepticus: Um einen anhaltenden Krampfanfall zu stoppen.
  • Sedierung: Bei massiver Angst, Unruhe oder vor schmerzhaften Eingriffen (z. B. Kardioversion).
  • Narkoseeinleitung: Als Teil des Medikamenten-Mixes (RSI).
  • Palliative Notfälle: Bei massiver Atemnot oder Angst am Lebensende.

3. Dosierung: Weniger ist oft mehr

Midazolam muss immer vorsichtig dosiert (“titriert”) werden, da die Wirkung von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfällt.

  • Krampfanfall (Erwachsene): * 5 mg bis 10 mg i.v. (langsam!) oder
    • 10 mg i.m. / bukkal / nasal, falls kein Zugang liegt.
  • Sedierung (Anxiolyse): Kleine Schritte von 1 mg bis 2 mg i.v., bis die gewünschte Wirkung eintritt.
  • Kinder: Hier wird streng nach Gewicht dosiert (oft 0,1 mg/kg i.v. oder 0,2 mg/kg nasal/bukkal).

4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten

  • Ateminsuffizienz / CO2-Retention: Bei Patienten mit COPD kann Midazolam den Atemantrieb gefährlich senken.
  • Myasthenia gravis: Die Muskelschwäche wird verstärkt.
  • Schock / Hypotonie: Midazolam kann den Blutdruck weiter senken (Vase-Dilatation).
  • Akute Alkohol- oder Drogenintoxikation: Die dämpfende Wirkung verstärkt sich gegenseitig massiv (Gefahr des Atemstillstands).

5. Nebenwirkungen: Die “Atembremse”

  • Atemdepression: Die gefährlichste Nebenwirkung. Der Patient atmet flacher und seltener.
  • Blutdruckabfall: Besonders bei schneller Gabe.
  • Paradoxe Reaktionen: Selten (besonders bei Kindern oder Senioren) führt es statt zu Ruhe zu extremer Aggressivität und Unruhe.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeBenzodiazepin
RezeptorGABA-A (Verstärkung der Hemmung)
Standard-Dosis (Krampf)5 – 10 mg (Weg je nach Situation)
AntidotFlumazenil (Anexate)
WirkungSedierend, angstlösend, krampflösend, muskelrelaxierend

Praxis-Tipp: Midazolam ist ein “Gedächtniskiller”. Das ist toll, wenn wir jemanden schmerzhaft lagern müssen – er wird sich später kaum daran erinnern. Aber Achtung: Wer Midazolam gibt, muss immer das Pulsoxymeter dran haben und Beatmungsequipment (Beutel/Maske) griffbereit halten. Die Grenze zwischen “entspannt schlafen” und “aufhören zu atmen” ist manchmal sehr schmal!