Naloxon ist ein hochspezifischer Gegenspieler. Es hat selbst keine eigene Wirkung auf den Körper, außer die Besetzung der Rezeptoren.
1. Wirkweise: Der Platzverweis am Rezeptor
Um Naloxon zu verstehen, muss man sich den Opioid-Rezeptor wie ein Schloss vorstellen. Das Opioid ist der Schlüssel, der das Schloss öffnet (Atemdepression, Schmerzlinderung).
- Der Mechanismus: Naloxon hat eine viel höhere Affinität (Bindungskraft) zum Rezeptor als die meisten Opioide. Es verdrängt das Opioid vom Rezeptor und besetzt diesen, ohne ihn zu aktivieren.
- Der Effekt: Das „Schloss“ ist blockiert. Die Wirkung des Opioids ist aufgehoben. Der Patient beginnt wieder zu atmen und wird wach.
- Das Problem mit der Halbwertszeit: Naloxon wirkt nur kurz (ca. 30–45 Minuten). Viele Opioide wirken viel länger. Wenn das Naloxon abgebaut ist, besetzt das noch im Blut kreisende Opioid den Rezeptor erneut – der Patient fällt in die Atemdepression zurück (Re-Narkotisierung).
2. Indikationen: Wann wird es gespritzt?
- Opioid-Intoxikation: Bei Verdacht auf Überdosierung (Drogennotfall), erkennbar an der Trias: Atemdepression (oder Atemstillstand), Bewusstlosigkeit und Stecknadelpupillen (Miosis).
- Relative Überdosierung: Wenn ein Patient im Rahmen einer Schmerztherapie (z.B. durch Fentanyl) aufhört zu atmen.
3. Dosierung: Vorsichtiges Erwecken
Im Rettungsdienst ist das Ziel nicht unbedingt ein hellwacher Patient, sondern ein Patient, der wieder ausreichend selbst atmet.
- Standard-Dosis: 0,4 mg i.v. (entspricht einer Ampulle).
- Vorgehensweise (Titration): Oft verdünnt man die Ampulle (0,4 mg) auf 4 ml oder 10 ml NaCl und gibt sie schrittweise (z.B. 0,04 mg bis 0,1 mg weise), bis die Atmung wieder einsetzt.
- Notfall (Atemstillstand): Wenn kein Zugang liegt, kann Naloxon auch i.m. oder nasal (mit MAD-Zerstäuber) gegeben werden. Hier nutzt man meist die volle Dosis (0,4 mg bis 0,8 mg).
4. Kontraindikationen
Es gibt im lebensbedrohlichen Notfall keine absoluten Kontraindikationen. Aber Vorsicht bei:
- Opioidabhängigkeit: Eine zu schnelle Gabe löst ein massives, lebensgefährliches Entzugssyndrom aus.
5. Nebenwirkungen: Der „Entzugs-Schock“
Wenn Naloxon bei einem Abhängigen zu schnell wirkt, passiert Folgendes:
- Akuter Entzug: Erbrechen, starkes Schwitzen, Zittern, Tachykardie und oft massive Aggressivität.
- Lungenödem: In seltenen Fällen kann nach der Gabe ein nicht-kardiogenes Lungenödem auftreten.
- Herz-Kreislauf-Belastung: Durch den plötzlichen Schmerzstress steigen Blutdruck und Puls stark an.
Zusammenfassung für die Ausbildung
| Merkmal | Details |
| Wirkstoffgruppe | Opioid-Antagonist |
| Rezeptor | My-Opioidrezeptor (Blockade) |
| Standard-Dosis | 0,4 mg (titriert nach Atmung) |
| Gefahr | Re-Narkotisierung (Wirkdauer zu kurz!) |
| Ziel | Wiederherstellung einer ausreichenden Spontanatmung |
Praxis-Tipp: Naloxon ist kein “Wachmach-Mittel”, sondern ein “Atmenmach-Mittel”. Bei einem Heroin-User im Park reicht es, wenn er wieder 10-mal pro Minute atmet. Spritzt du ihn hellwach, wird er oft aggressiv, reißt sich den Zugang raus und rennt weg – nur um 30 Minuten später, wenn das Naloxon nachlässt, wieder blau anzulaufen. Bleib also immer beim Patienten, bis das Opioid sicher abgebaut ist!
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