Etomidat ist ein reines Hypnotikum (Schlafmittel). Es hat eine Besonderheit, die es für kritisch kranke Patienten so wertvoll macht: Es ist extrem kreislaufstabil.
Wichtiger Hinweis für die Ausbildung:
Die Durchführung einer Narkose (Einleitung, Intubation und Aufrechterhaltung) ist keine Standardmaßnahme für den Notfallsanitäter im Rahmen der Eigenverantwortung. Es handelt sich um einen hochkomplexen ärztlichen Eingriff. Als Notfallsanitäter musst du das Medikament jedoch perfekt kennen, um die Assistenz bei der Narkoseeinleitung (RSI) sicher durchzuführen und die Nebenwirkungen zu überwachen.
1. Wirkweise: Der sanfte Schlaf
Etomidat wirkt im Zentralnervensystem und sorgt für einen schnellen Bewusstseinsverlust.
- Der Rezeptor: Es verstärkt die Wirkung von GABA (Gamma-Aminobuttersäure) an den GABA-A-Rezeptoren. GABA ist der wichtigste Hemmstoff im Gehirn.
- Der Effekt: Durch die Verstärkung der Hemmung schaltet das Bewusstsein innerhalb von Sekunden ab.
- Der Clou: Im Gegensatz zu fast allen anderen Schlafmitteln (wie Propofol) beeinflusst Etomidat das Herz-Kreislauf-System und das vegetative Nervensystem kaum. Der Blutdruck bleibt stabil.
2. Indikation: Wann wird es vorbereitet?
- Narkoseeinleitung: Besonders bei Patienten mit instabilem Kreislauf, Schock oder schwerer Herzinsuffizienz, bei denen ein Blutdruckabfall lebensgefährlich wäre.
3. Dosierung: Einmal einschlafen bitte
- Standard-Dosis: 0,15 mg bis 0,3 mg pro kg Körpergewicht i.v.
- Wirkungseintritt: Innerhalb von 30 bis 60 Sekunden.
- Wirkdauer: Sehr kurz (ca. 3 bis 5 Minuten).
4. Kontraindikationen: Hier darf es nicht rein
- Bekannte Allergie gegen Etomidat oder Sojaöl (viele Zubereitungen enthalten Fettemulsionen).
- Säuglinge unter 6 Monaten: Hier ist die Anwendung kontraindiziert.
- Sepsis (relativ): Wegen der Unterdrückung der Nebennierenrinde (siehe Nebenwirkungen) ist man bei septischen Patienten heute vorsichtiger geworden.
5. Nebenwirkungen: Die Schattenseiten
Obwohl es den Blutdruck schont, hat Etomidat spezifische Probleme:
- Myoklonien: Unwillkürliche Muskelzuckungen während des Einschlafens. Das sieht oft wie ein Krampfanfall aus, ist aber eine typische Nebenwirkung.
- Injektionsschmerz: Das Spritzen in kleine Venen kann brennen.
- Suppression der Nebennierenrinde: Etomidat hemmt ein Enzym (11-beta-Hydroxylase), das für die Produktion von Cortisol wichtig ist. Schon eine Einmaldosis kann die Stressantwort des Körpers für Stunden drosseln.
- Übelkeit und Erbrechen: Nach dem Aufwachen kommt es unter Etomidat häufiger zu Übelkeit als bei anderen Mitteln.
Zusammenfassung für die Ausbildung
| Merkmal | Details |
| Wirkstoffgruppe | Hypnotikum (Schlafmittel) |
| Rezeptor | GABA-A-Rezeptor-Modulator |
| Standard-Dosis | 0,3 mg/kg i.v. |
| Herausragende Eigenschaft | Hohe hämodynamische Stabilität (schont den Blutdruck) |
| Wichtigste Regel | Keine Analgesie! (Etomidat nimmt keinen Schmerz) |
Praxis-Tipp: Denk immer daran: Etomidat macht nur schlafen, es schaltet den Schmerz nicht aus. Eine Narkoseeinleitung mit Etomidat erfordert also zwingend die zusätzliche Gabe eines starken Schmerzmittels (z.B. Fentanyl). Ohne Schmerzmittel würde der Blutdruck beim Einführen des Laryngoskops trotz Etomidat durch die Decke schießen!