Fentanyl ist ein rein synthetisches Opioid.1 Es ist etwa 75- bis 100-mal stärker als Morphin. Das bedeutet, wir arbeiten hier nicht mit Milligramm (mg), sondern mit Mikrogramm (µg).

1. Wirkweise: Maximale Kraft am Rezeptor

Fentanyl ist ein hochaffiner, reiner Agonist an den Opioid-Rezeptoren.2

  • Der Rezeptor: Es bindet fast ausschließlich an My-Opioidrezeptoren im zentralen Nervensystem.
  • Der Mechanismus: Durch seine hohe Fettlöslichkeit (Lipophilie) überwindet es die Blut-Hirn-Schranke blitzschnell.
  • Der Effekt:
    • Analgesie: Massive Unterdrückung des Schmerzempfindens.
    • Sedierung: Dämpfung des Bewusstseins.
    • Atemdepression: Starke Dämpfung des Atemzentrums (stärker als bei Morphin).

2. Indikationen: Wann ist es das Mittel der Wahl?

  • Stärkste akute Schmerzen: Polytrauma, große Frakturen, Verbrennungen.
  • Narkoseeinleitung (RSI): Als analgetische Komponente, um den Stressreiz der Intubation zu unterdrücken.3
  • Kardioversion / Pacing: Um die schmerzhaften elektrischen Impulse für den Patienten erträglich zu machen.

3. Dosierung: Mikrogramm-Präzision

Fentanyl wird im Rettungsdienst fast immer titriert (schrittweise gegeben).

  • Standard-Dosis (Analgesie): 1 µg bis 2 µg pro kg Körpergewicht.
  • Beispiel (80 kg Patient): Man gibt initial ca. 0,1 mg (das entspricht 100 µg oder 2 ml der Standardlösung).
  • Wirkbeginn: i.v. bereits nach 1 bis 2 Minuten.
  • Wirkdauer: Kurz (ca. 20 bis 30 Minuten). Das ist ideal für kurze Transporte oder Maßnahmen.

4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten

  • Nicht gesicherte Atemwege: Wenn du keine Möglichkeit zur Beatmung hast, ist Fentanyl aufgrund der starken Atemdepression riskant.
  • Schädel-Hirn-Trauma (SHT): Nur unter strenger Indikation (Beatmung!), da es die Pupillendiagnostik beeinträchtigt und den Atemantrieb senkt (CO2-Anstieg = Hirndruckanstieg).
  • Bekannte Unverträglichkeit.

5. Nebenwirkungen: Die “Chest-Wall-Rigidity”

Neben den typischen Opioid-Nebenwirkungen (Übelkeit, Miosis, Bradykardie) hat Fentanyl eine gefährliche Besonderheit:

  • Thoraxrigide: Bei sehr schneller Injektion hoher Dosen kann die Brustkorbmuskulatur starr werden.4 Der Patient lässt sich dann kaum noch beatmen (“Holzbrust”).
  • Atemdepression: Tritt oft sehr plötzlich ein.
  • Blutdruckabfall: Meist moderat, aber in Kombination mit Sedativa (z.B. Propofol) deutlich verstärkt.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeSynthetisches Opioid-Analgetikum
Potenz100-mal stärker als Morphin
Standard-Dosis1 – 2 µg/kg i.v. (z.B. 0,1 mg beim Erw.)
Wirkbeginn1 – 2 Minuten (sehr schnell)
BesonderheitGefahr der Thoraxrigidität bei schneller Gabe

Praxis-Tipp: Fentanyl ist super, um jemanden schnell “einzupacken”. Aber achte auf die Atmung! Es ist ein typisches Medikament für die “Augen-zu-und-durch”-Momente (z.B. eine Luxation reponieren). Wichtig: Spritz es langsam über ca. 1 Minute, um die Thoraxrigidität zu vermeiden. Und hab immer den Beutel griffbereit.