Midazolam gehört zur Gruppe der Benzodiazepine. Es zeichnet sich durch einen sehr schnellen Wirkungseintritt und eine relativ kurze Wirkdauer aus.
1. Wirkweise: Den Hemmstoff verstärken
Im Gehirn gibt es einen Botenstoff namens GABA (Gamma-Aminobuttersäure), der wie eine Bremse für die Nervenzellen wirkt.
- Der Rezeptor: Midazolam bindet an den GABA-A-Rezeptor.
- Der Mechanismus: Es wirkt als allosterischer Modulator. Das heißt, es setzt sich neben das GABA an den Rezeptor und sorgt dafür, dass GABA viel besser binden kann. Es verstärkt also die körpereigene Bremse.
- Der Effekt: Wenn die Bremse (GABA) stärker wirkt, passiert folgendes:
- Anxiolyse: Angst wird gelöst.
- Sedierung: Der Patient wird schläfrig.
- Antikonvulsive Wirkung: Krampfanfälle werden gestoppt.
- Anterograde Amnesie: Der Patient vergisst alles, was kurz nach der Gabe passiert (sehr nützlich bei unangenehmen Maßnahmen).
2. Indikationen: Wann wird es aufgezogen?
- Status Epilepticus: Um einen anhaltenden Krampfanfall zu stoppen.
- Sedierung: Bei massiver Angst, Unruhe oder vor schmerzhaften Eingriffen (z. B. Kardioversion).
- Narkoseeinleitung: Als Teil des Medikamenten-Mixes (RSI).
- Palliative Notfälle: Bei massiver Atemnot oder Angst am Lebensende.
3. Dosierung: Weniger ist oft mehr
Midazolam muss immer vorsichtig dosiert (“titriert”) werden, da die Wirkung von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfällt.
- Krampfanfall (Erwachsene): * 5 mg bis 10 mg i.v. (langsam!) oder
- 10 mg i.m. / bukkal / nasal, falls kein Zugang liegt.
- Sedierung (Anxiolyse): Kleine Schritte von 1 mg bis 2 mg i.v., bis die gewünschte Wirkung eintritt.
- Kinder: Hier wird streng nach Gewicht dosiert (oft 0,1 mg/kg i.v. oder 0,2 mg/kg nasal/bukkal).
4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten
- Ateminsuffizienz / CO2-Retention: Bei Patienten mit COPD kann Midazolam den Atemantrieb gefährlich senken.
- Myasthenia gravis: Die Muskelschwäche wird verstärkt.
- Schock / Hypotonie: Midazolam kann den Blutdruck weiter senken (Vase-Dilatation).
- Akute Alkohol- oder Drogenintoxikation: Die dämpfende Wirkung verstärkt sich gegenseitig massiv (Gefahr des Atemstillstands).
5. Nebenwirkungen: Die “Atembremse”
- Atemdepression: Die gefährlichste Nebenwirkung. Der Patient atmet flacher und seltener.
- Blutdruckabfall: Besonders bei schneller Gabe.
- Paradoxe Reaktionen: Selten (besonders bei Kindern oder Senioren) führt es statt zu Ruhe zu extremer Aggressivität und Unruhe.
Zusammenfassung für die Ausbildung
| Merkmal | Details |
| Wirkstoffgruppe | Benzodiazepin |
| Rezeptor | GABA-A (Verstärkung der Hemmung) |
| Standard-Dosis (Krampf) | 5 – 10 mg (Weg je nach Situation) |
| Antidot | Flumazenil (Anexate) |
| Wirkung | Sedierend, angstlösend, krampflösend, muskelrelaxierend |
Praxis-Tipp: Midazolam ist ein “Gedächtniskiller”. Das ist toll, wenn wir jemanden schmerzhaft lagern müssen – er wird sich später kaum daran erinnern. Aber Achtung: Wer Midazolam gibt, muss immer das Pulsoxymeter dran haben und Beatmungsequipment (Beutel/Maske) griffbereit halten. Die Grenze zwischen “entspannt schlafen” und “aufhören zu atmen” ist manchmal sehr schmal!