Ketamin ist ein außergewöhnliches Medikament, da es gleichzeitig stark schmerzlindernd (analgetisch) und betäubend (hypnotisch) wirkt. Es ist der Klassiker für die “Feld- und Wiesenmedizin” sowie für instabile Kreislaufverhältnisse.

1. Wirkweise: Trennung von Körper und Geist

Ketamin erzeugt eine dissoziative Anästhesie. Das bedeutet, der Patient ist nicht klassisch “tief bewusstlos”, sondern seine Wahrnehmung wird von der Außenwelt getrennt.

  • Der Rezeptor: Ketamin blockiert als Antagonist die NMDA-Rezeptoren (N-Methyl-D-Aspartat) im zentralen Nervensystem.
  • Der Mechanismus: Es unterbricht die Weiterleitung von Schmerzsignalen im Rückenmark und dämpft die Schmerzverarbeitung im Gehirn.
  • Der Sympathikus-Effekt: Im Gegensatz zu fast allen anderen Narkosemitteln regt Ketamin das sympathische Nervensystem an. Es führt zur Ausschüttung von körpereigenem Noradrenalin.
  • Der Effekt: Blutdruck und Herzfrequenz steigen an, und die Bronchien weiten sich (Bronchodilatation).

2. Indikationen: Wann wird es eingesetzt?

  • Traumatische Schmerzen: Besonders bei eingeklemmten Patienten oder schweren Frakturen, wenn der Blutdruck niedrig ist.
  • Narkoseeinleitung: Bei Patienten im Schock (Volumenmangelschock, anaphylaktischer Schock) oder bei Asthmatikern.
  • Status Asthmaticus: Als Reservemittel zur Entspannung der Bronchien.

3. Dosierung: Der Unterschied zum Esketamin

Wichtig für die Prüfung: Das normale Ketamin (Racemat) ist nur halb so potent wie Esketamin. Du brauchst also die doppelte Menge.

  • Analgesie (Schmerzbekämpfung): 0,25 mg bis 0,5 mg pro kg Körpergewicht i.v.
  • Narkose: 1,0 mg bis 2,0 mg pro kg Körpergewicht i.v.
  • Wirkbeginn: i.v. nach ca. 1 Minute.
  • Wirkdauer: ca. 10 bis 15 Minuten.

4. Kontraindikationen: Wann ist Vorsicht geboten?

Da Ketamin den Kreislauf “pusht”, ist es bei bestimmten Vorerkrankungen riskant:

  • Schwerer Bluthochdruck (Hypertonie): Gefahr einer hypertensiven Krise.
  • Akutes Koronarsyndrom (ACS) / Herzinfarkt: Der erhöhte Sauerstoffbedarf des Herzens kann den Schaden vergrößern.
  • Schwere Herzinsuffizienz: Wenn das Herz die zusätzliche Last des gesteigerten Drucks nicht mehr schafft.
  • Penetrierende Augenverletzungen: Ketamin kann den Augeninnendruck leicht erhöhen.

5. Nebenwirkungen: Albträume und Speichel

  • Psychomimetische Reaktionen: Beim Aufwachen erleben Patienten oft Horror-Trips, Halluzinationen oder Angstzustände. Daher sollte Ketamin (außer in extremen Ausnahmen) immer mit einem Benzodiazepin (z. B. Midazolam) kombiniert werden.
  • Hypersalivation: Massive Speichelproduktion (Absaugereitschaft!).
  • Laryngospasmus: Seltene Verkrampfung des Kehlkopfes bei zu schneller Injektion.
  • Tachykardie und Hypertonie.

Zusammenfassung für die Ausbildung

MerkmalDetails
WirkstoffgruppeDissoziatives Anästhetikum / NMDA-Antagonist
Potenz50 % von Esketamin
Standard-Dosis (Analgesie)0,5 mg/kg i.v.
BesonderheitSympathomimetisch (Blutdruck und Puls steigen)
Wichtiger BegleiterMidazolam (zur Vermeidung von Albträumen)

Praxis-Tipp: Merk dir den Unterschied zwischen Ketamin und Esketamin für die Prüfung ganz genau! Wenn du im Einsatz eine Ampulle in die Hand nimmst, schau zwei Mal drauf: Steht da “Ketamin” oder “Esketamin / Ketanest S”? Die Verwechslung führt entweder zu einer Unterdosierung oder zu einer gefährlichen Überdosierung.