Lidocain gehört zur Gruppe der Lokalanästhetika (vom Amid-Typ) und wird in der Kardiologie als Klasse-Ib-Antiarrhythmikum eingeordnet.
1. Wirkweise: Der Natrium-Kanal-Blocker
Lidocain ist ein “Membranstabilisator”. Es verhindert, dass elektrische Signale zu schnell oder unkontrolliert fließen.
- Der Mechanismus: Lidocain blockiert spannungsabhängige Natrium-Kanäle in den Nerven- und Herzmuskelzellen.
- Am Herzen: Es verkürzt die Aktionspotenzialdauer und unterdrückt die automatische Erregungsbildung (besonders in der Herzkammer). Das “Chaos” in der Kammer wird gedämpft.
- An den Nerven: Es verhindert den Einstrom von Natrium, der für die Weiterleitung von Schmerzreizen nötig ist. Wo kein Natrium fließt, wird kein Schmerz gemeldet.
2. Indikationen: Wann wird es eingesetzt?
- Reanimation (CPR): Als Alternative zu Amiodaron bei Kammerflimmern (VF) oder pulsloser ventrikulärer Tachykardie (pVT), wenn die Defibrillation nicht anschlägt.
- Ventrikuläre Tachykardien (VT): Wenn der Patient einen Puls hat, aber lebensgefährliche Rhythmusstörungen aus der Kammer zeigt.
- Narkosebegleitung (RSI): Manchmal i.v. gegeben, um den Hustenreiz und den Hirndruckanstieg bei der Intubation zu dämpfen.
- Lokalanästhesie: Zum schmerzlosen Legen von intraossären Zugängen (i.o.) oder beim Nähen von Wunden.
3. Dosierung: Fokus Reanimation
In der Ausbildung ist vor allem die Dosierung im Algorithmus wichtig:
- Reanimation (VF/pVT):
- Initialdosis: 1 mg bis 1,5 mg pro kg Körpergewicht i.v. (meist nach dem 3. Schock, falls kein Amiodaron verfügbar/gewünscht).
- Folgedosis: 0,5 mg bis 0,75 mg pro kg Körpergewicht (nach dem 5. Schock).
- Maximaldosis: 3 mg pro kg Körpergewicht insgesamt.
- Lokalanästhesie (i.o.-Zugang): Meist 20 mg bis 40 mg (langsam über den liegenden i.o.-Zugang), bevor die Infusion gestartet wird.
4. Kontraindikationen: Hier ist Vorsicht geboten
Da Lidocain die elektrische Leitung hemmt, darf es nicht gegeben werden bei:
- AV-Blockierungen (II. und III. Grades): Die Leitung vom Vorhof zur Kammer könnte komplett zusammenbrechen.
- Schwerer Bradykardie: Wenn das Herz eh schon zu langsam ist.
- Bekannte Allergie: Gegen Lokalanästhetika vom Amid-Typ.
- Syk-Sinus-Syndrom.
5. Nebenwirkungen: Das ZNS reagiert
Lidocain hat ein enges therapeutisches Fenster. Bei einer Überdosierung sieht man oft neurologische Symptome:
- ZNS-Störungen: Schwindel, Ohrensausen (Tinnitus), metallischer Geschmack im Mund, verwaschene Sprache oder Sehstörungen.
- Krampfanfälle: Bei hoher Überdosierung.
- Kardiale Depression: Blutdruckabfall und Bradykardie.
Zusammenfassung für die Ausbildung
| Merkmal | Details |
| Wirkstoffgruppe | Antiarrhythmikum (Klasse Ib) / Lokalanästhetikum |
| Rezeptor | Natrium-Kanal (Blockade) |
| Standard-Dosis (CPR) | 1 – 1,5 mg/kg i.v. |
| Hauptwirkung | Stabilisierung der Zellmembran / Rhythmisierung |
| Warnzeichen | Metallischer Geschmack oder Ohrensausen (Überdosierung!) |
Praxis-Tipp: In den aktuellen ERC-Leitlinien steht Amiodaron an erster Stelle. Lidocain ist aber die gleichwertige Alternative. Wichtig für die Praxis: Wenn du Lidocain zur Schmerzreduktion beim i.o.-Zugang spritzt, lass es wirklich langsam einlaufen und gib ihm 30-60 Sekunden Zeit zu wirken, bevor du die Infusion mit Druck durchspülst. Dein Patient wird es dir danken!