Nitrendipin gehört zur Gruppe der Calciumantagonisten (vom Dihydropyridin-Typ). Es wirkt primär an den Gefäßen und weniger am Herzen.
1. Wirkweise: Entspannung für die Gefäßwände
Damit sich die glatte Muskulatur in unseren Arterien zusammenziehen kann, benötigt sie Calcium.
- Der Mechanismus: Nitrendipin blockiert die L-Typ-Calciumkanäle in den glatten Muskelzellen der Gefäßwände.
- Der Effekt: Wenn kein Calcium in die Zellen einströmen kann, erschlafft die Muskulatur.
- Das Ergebnis: Die Gefäße (Arterien und Arteriolen) weiten sich (Vasodilatation). Der periphere Widerstand sinkt, und der Blutdruck fällt innerhalb kurzer Zeit deutlich ab.
Wichtig für die Ausbildung: Nitrendipin wirkt vor allem auf die Widerstandsgefäße. Es hat in der üblichen Dosierung kaum Einfluss auf die Schlagkraft des Herzens, kann aber durch den schnellen Blutdruckabfall zu einem reflektorischen Pulsanstieg führen.
2. Indikationen: Wann wird „gebissen“?
- Hypertensiver Notfall / Krise: Wenn der Blutdruck massiv erhöht ist (meist > 200/120 mmHg) und der Patient Symptome wie Kopfschmerzen, Schwindel oder Nasenbluten zeigt.
3. Dosierung: Die Kapsel zum Zerbeißen
Im Rettungsdienst nutzen wir meist die Weichkapseln zur sublingualen Anwendung.
- Standard-Dosis: 5 mg (entspricht meist einer 5 mg-Kapsel).
- Anwendung: Die Kapsel wird vom Patienten zerbissen und der Inhalt im Mund behalten (sublinguale Aufnahme über die Schleimhaut). Alternativ kann man die Kapsel mit einer Kanüle anstechen und den Inhalt unter die Zunge träufeln.
- Wirkbeginn: Sehr schnell, meist nach 5 bis 10 Minuten.
- Wichtig: Bei ausbleibender Wirkung kann nach ca. 30 Minuten eine weitere Dosis gegeben werden, aber Vorsicht vor einem zu steilen Abfall!
4. Kontraindikationen: Hier ist es gefährlich
- Kardiogener Schock: Wenn das Herz ohnehin schon versagt.
- Aortenstenose: Bei einer verengten Herzklappe kann der plötzliche Widerstandsverlust zum Kreislaufkollaps führen.
- Frischer Herzinfarkt: Ein zu schneller Blutdruckabfall verschlechtert die Durchblutung des Herzmuskels.
- Instabile Angina Pectoris.
- Schwangerschaft: Hier ist Nitrendipin absolut kontraindiziert (Gefahr für die Plazentadurchblutung).
5. Nebenwirkungen
- Reflextachykardie: Der Körper bemerkt den sinkenden Druck und lässt das Herz schneller schlagen.
- Flush: Rötung des Gesichts und Hitzegefühl durch die Gefäßweitung.
- Kopfschmerzen: Durch die Weitung der Gefäße im Kopf.
- Übelkeit und Schwindel.
Zusammenfassung für die Ausbildung
| Merkmal | Details |
| Wirkstoffgruppe | Calciumantagonist (Dihydropyridin-Typ) |
| Mechanismus | Blockade von L-Typ-Calciumkanälen |
| Standard-Dosis | 5 mg sublingual (Zerbeißkapsel) |
| Hauptwirkung | Schnelle Senkung des peripheren Widerstands |
Praxis-Tipp: Nitrendipin ist eine “Wundertüte”. Bei manchen Patienten passiert wenig, bei anderen rauscht der Blutdruck in den Keller. Deshalb: Immer einen venösen Zugang legen, bevor ihr Nitrendipin (oder auch Urapidil/Nitro) gebt! Wenn der Blutdruck zu tief sinkt, müsst ihr sofort mit Flüssigkeit gegensteuern können. Und denkt dran: Senkt den Blutdruck im Notfall nie um mehr als 20–25 % innerhalb der ersten Stunde, um Schlaganfälle oder Infarkte durch Minderdurchblutung zu vermeiden.